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Hallo liebes Tagebuch,

jetzt ist es offiziell: Karl-Gustav braucht eine Brille. Es hat lange gedauert, bis er das zugeben wollte – obwohl es uns allen schon lange klar gewesen ist.

Eigentlich fing es ganz unspektakulär an: Als Schlagzeuger in der Band haute er manchmal neben die Trommeln. Das passiert schon mal, ganz klar. Doch in letzter Zeit wurde es immer schlimmer. Ständig mussten die Quietschbeus neu ansetzen.

Und irgendwann wurde es dann richtig auffällig. Dann nämlich, als Karl-Gustav anfing, die Dorfbewohner miteinander zu verwechseln.

So erklärte er Lulu, dass sie sich nicht wundern solle, weil der ausgebaute Motorradzylinder jetzt erst mal links hinter dem Silbervorhang stehe. Lulu tat erst so, als wüsste sie, was er meinte und nickte. Erst als sie »ja-ja« sagte, fiel Karl-Gustav auf, dass er Lulu wohl mit mir verwechselt hatte. Aber, liebes Tagebuch, was für eine Frechheit – gelb ist doch nicht gleich gelb!

Ein anderes Mal sprang er geistesgegenwärtig auf Nepomuks Rücken, weil er meinte zu sehen, wie Nepomuk den kleinen Kasimir hochnahm und durchschüttelte. Doch aus der Nähe erkannte er dann, dass es nicht Kasi war sondern ein alter Putzlappen, den Nepomuk entstauben wollte.

Doch Karl-Gustav wollte es trotzdem nicht zugeben. Er sei schließlich ein Rocker und Rocker haben keine schlechten Augen. Höchstens schlechte Ohren. Und überhaupt: Bei all dem Gerocke würde die Brille sowieso nur ständig verrutschen.

Ich: »Schon mal was von Kontaktlinsen gehört?«
Er: »Ich hab ja keine Bohnen in den Ohren!«

Aber Kontaktlinsen seien sowieso zu kniffelig. Und weil er ständig übermüdet ist – wie gesagt: Rocker und so – hat er nicht die notwendige Ruhe in den Hände. »Fleischpranken wie Zitteraale«, wie Karl-Otto immer sagt. Und beim Rausmachen habe er dann Angst, den Augapfel mit rauszuziehen. Wobei das ja wohl keine Rocker-Einstellung ist, was?

Doch dann die Lösung: Karl-Heinz schlägt vor, ihm jeden Morgen die Linsen einzusetzen und abends wieder rauszunehmen. Als Keyboarder habe man schließlich Engelsfinger, meinte er. Karl-Gustav war erstmal einverstanden. Na, ich bin gespannt, was daraus wird.

Danke, dass du mir zugehört hast – liebes Tagebuch mit den Eselsohren –
dein Spencer

PS: Hätte ich schlechte Augen, würde ich mir natürlich für dich eine Brille aufsetzen. Nicht, dass ich hier noch rumschmiere! Sp.