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Hallo liebes Tagebuch,

hier im Dorf ist der Smartphone-Wahn ausgebrochen. Ein absoluter Irrsinn! Jeder hat jetzt son Ding. Sogar unser Nepomuk – obwohl der sich doch sonst immer gegen jeden Fortschritt stellt! Jetzt hat der aber nur noch dieses Gerät in der Hand und glotzt drauf … alle anderen übrigens auch. Jeder nur noch in gebückter Haltung unterwegs!

Kasi ist heute sogar in eine Grube gefallen, weil er bei seiner Handy-Daddelei nicht auf den Weg geachtet hat. Dabei ist unser Eichkater doch sonst immer so übervorsichtig! Die Grube war übrigens von Nepomuk. Der wollte eigentlich etwas ausgraben, aber dann hat er eine SMS von Lexi bekommen. Aus dieser SMS wurde dann ein Chat – und bumms, die Grube war vergessen.

Und Lexi verschickt den ganzen Tag nur Videos von irgendwelchen Kätzchen, die auf Staubsauger-Robotern rumfahren. Von Galaktika gibts ständig Fotos von Sonnenuntergängen mit schlauen andromedanischen Sprichwörtern, die ich nicht verstehe. Kasi fotografiert seinen Kastanienauflauf, Elvis seine neuesten Kakteen und Lulu nur sich selbst, denn die hat einen Selfiestick.

Und überhaupt: ständig diese Selfies! Jeder fotografiert sich selbst mit jedem und überall! Mona und Lisa stehen vor irgendwelchen bunten Blumen und gucken süß, die Quietschbeus sitzen auf dem Motorrad und gucken cool.

Nur ich, dein Spencer, komme überhaupt nicht zurecht! Ich und Technik – der Esel und der Fortschritt! Hoffnungslos! Das Visophon bedien ich im Schlaf, aber dieses Handy … Immer verwähle ich mich. Ich wähle L wie »Lexi«, hab dann aber Lulu an der Strippe. Dann verdreht sich der Bildschirm immer so komisch von hoch auf quer. Und wie verschicke ich ein Foto? Heute Morgen wollte ich mit Elvis per Videochat sprechen, doch ich sah immer nur meine eigene Mütze ganz groß. Und dann komm ich ständig auf die falschen Buchstaben und die Autokorrektur schreibt was völlig anderes.

Am Abend aber gabs dann dicke Luft: Alle Dorfbewohner waren nämlich immer erreichbar. Und wenn nicht direkt eine Antwort kam, waren sie beleidigt. Lexi beobachtete zum Beispiel, wie Lisa seine Nachricht las, aber nicht antwortete. Elvis sah, wie Poldi sein Kakteen-Foto ansah, aber kein Foto zurückschickte. Und so ging das im ganzen Dorf. Die Stimmung drohte zu kippen.

Und bevor es dann eskalierte, kam wie bestellt DIE Erlösung: Das Internet fiel aus. Schluss mit dem technischen Schnick-Schnack, jetzt mussten alle wieder miteinander reden.

Sie hatten ganz vergessen, dass das auch noch geht.

Nun bin ich mal gespannt, wie lange das noch dauert, bis sich die Leute wieder persönlich treffen. Persönlich hat man sich ja vorher auch getroffen, aber dann stand man nur nebeneinander rum, um miteinander zu chatten.

Nebenan höre ich übrigens gerade schon wieder die Quietschbeus proben. Sie haben sich offenbar einen neuen Song ausgedacht: »Handy an Ohr und Mund ist ungesund«. Wie passend!

Also: Vorbei mit dem Technik-Irrsinn, willkommen im normalen Dorf-Wahnsinn!

Danke, dass du mir zugehört hast – liebes Tagebuch mit den Eselsohren –
dein Spencer

PS: Hab das alles hier natürlich mit der Hand geschrieben. Mit Stift und Papier. Ich lass doch mein Tagebuch nicht im Stich! Sp.